Stillgelegte_Bahntrassen

Reaktivierung stillgelegter Bahntrassen im ländlichen Raum: Teil der Lösung, allerdings mit großen Hindernissen!

31.03.2022

Angesichts unzureichender Verkehrsangebote ist die Mobilitätswende gerade im ländlichen Raum eine riesige Herausforderung. Bei Mobility Allstars sind wir der Meinung, dass die Mobilitätswende nur gelingt, wenn den Menschen ein Verkehrsmix angeboten wird, der den individuellen Lebenssituationen gerecht wird. Ein Fokus auf nur einen Verkehrsträger wäre also zu kurz gesprungen. Gleichzeitig ist klar: Ohne einen Ausbau schienengebundener Angebote für den Personenverkehr wird die Mobilitätswende im ländlichen Raum scheitern.1 Bei der Reaktivierung stillgelegter Bahntrassen sind jedoch nicht unerhebliche Herausforderungen zu meistern. Die Politik muss zeitnah zu klaren Aussagen kommen und den Bürgerinnen und Bürgern Perspektiven aufzeigen.

Die Zahlen des IFO Instituts sind eindrucksvoll: Seit den 50er Jahren wurden in Deutschland rund 30 Prozent der Bahnstrecken stillgelegt. Damals gab es ungefähr 15.000 Trassenkilometer mehr als heute.2 Tausende Kilometer Schiene liegen also ungenutzt herum und die Forderung einer Reaktivierung dieser Bahntrassen für den ländlichen Raum liegt auf der Hand. Leider ist dies gar nicht so einfach.

Vielfach sind stillgelegte Bahntrassen in einem baulich schlechten Zustand und müssen zunächst erneuert werden. Dies gilt auch für Signalanlagen und Bahnhöfe. Eine Reaktivierung wird in diesen Fällen Jahre dauern. Hinzu kommen nicht unerhebliche Investitionen und diese sind mit entsprechenden Fahrgastprognosen abzugleichen. Zweifelsohne ein Henne-Ei-Problem. Ein weiterer Aspekt ist die teils fehlende Elektrifizierung – eine Mobilitätswende mit fossilen Antrieben kann sich wohl niemand vorstellen. Auch ist der Tierschutz nicht zu vernachlässigen, in einigen Fällen haben sich in Tunneln Fledermäuse angesiedelt, in anderen Fällen sind Trassen bereits mit Bäumen und Sträuchern überwachsen und Teil der Natur geworden. In wenigen Fällen wurden Bahntrassen überbaut, dort stehen heute beispielsweise Lagerhallen. Und dann wiederum gibt es Trassen, welche als Nebentrassen intensiv für den Güterverkehr genutzt werden. Zusätzlicher Personenverkehr würde die Kapazität dieser Nebentrassen übersteigen. Ebenso gibt es zahlreiche Fälle, in denen der Bus der Bahn zumindest in puncto Fahrtzeit deutlich überlegen ist. Schließlich gibt es auch viele Bahntrassen, welche inzwischen zu Radwegen umgewidmet wurden. Auch der Radverkehr ist Teil der Mobilitätswende und vor einer Kannibalisierung kann hier nur gewarnt werden.

Gleichwohl gibt es auch Trassen, welche in einem noch guten Bauzustand sind und bei denen auch keine sonstigen Parameter einer schnellen Reaktivierung im Wege stehen. Hier muss eine Reaktivierung ganz oben auf der politischen Agenda stehen! Bei der Diskussion um eine Reaktivierung stillgelegter Bahntrassen muss jedoch vor einer allzu großen Euphorie gewarnt werden. Insbesondere muss klar werden, dass die Reaktivierung stillgelegter Bahntrassen zwar ein wichtiges Puzzleteil der Mobilitätswende ist, aber eben auch nur eines von vielen Puzzleteilen.

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Über den Autor:
Christoph Werneke ist Vorstandsmitglied von Mobility Allstars e.V. und geschäftsführender Gesellschafter der Beratung Tangram Strategy Consulting, die ganzheitliche Mobilitätskonzepte erarbeitet und in der Umsetzung begleitet. Christoph widmet sich seit vielen Jahren mit großer Leidenschaft den vielfältigsten Themen der Mobilität. Dabei behält er den Menschen und dessen Lebensqualität immer im Blick.

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Fußnoten:

1. Vgl. Bundesministerium für Digitales und Verkehr: „Bundesminister begrüßen Pläne von DB Netz AG und ihren Partnern“

2. Vgl. ifo Institut: „15 000 Kilometer Bahnstrecken weniger als vor 70 Jahren in Deutschland – Ost und West gleichermaßen betroffen“

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