Städte brauchen Visionen für die Mobilität von morgen

10.06.2021

„Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“, hat Helmut Schmidt 1980 im Bundestagswahlkampf gesagt. Doch Visionen sind genau das, was wir für eine neue Mobilität in Deutschland, Österreich und der Schweiz brauchen. Wie soll sie aussehen, die Stadt der Zukunft und wie wollen wir diese mit dem ländlichen Raum verbinden? Lebenswert soll sie sein, die Mobilität von morgen. Intelligent vernetzt, gleichermaßen attraktiv für Einwohner, Arbeitgeber und Berufstätige, emissionsarm und ohne lästige Staus. Doch mit dieser Wunschliste endet es oftmals. Was fehlt, ist ein konkretes Zielbild. Hier haben die meisten Städte und Regionen in der D-A-CH-Region noch großen Nachholbedarf, denn ohne Zielbild wird es schwerfallen, die Mobilität von morgen Wirklichkeit werden zu lassen.

Ein solches Zielbild muss strittige Fragen beantworten, wie zum Beispiel: Welcher Anteil öffentlicher Flächen steht den Autofahrern zu, deren Fahrzeuge heute zu weit über 90% der Zeit nicht bewegt werden und welche Flächen werden umgewidmet zum Beispiel in Busspuren, Radwege oder Grünflächen? Wie lassen sich Parkplatzsuchverkehre, die bis zu 30% des Gesamtverkehrs in Innenstädten ausmachen können, reduzieren? Wie ist die Breite einer Straße aufzuteilen: Welcher Anteil wird den Autofahrern, welcher Anteil den Radfahrern und welcher Anteil den Fußgängern zugestanden? Welche Ladekapazitäten für Elektromobilität sind infrastrukturell möglich und wie sollen diese finanziert werden? Welche Angebote kombinierter Mobilität, zum Beispiel von S-Bahn und Carsharing, sind erforderlich, um ein Gesamtoptimum aus Lebensqualität und Effizienz zu erreichen? Antworten auf diese und weitere Fragen werden niemals allen Bürgerinnen und Bürgern gefallen. Und genau deshalb tut sich die Politik auch schwer mit der Ausgestaltung von Zielbildern für die Mobilität von morgen.

Und dennoch: Das Bewusstsein ist inzwischen in der breiten Bevölkerung angekommen, dass sich etwas verändern muss, dass ein „weiter so“ nicht mehr funktioniert. Wir haben in der Vergangenheit viel zu lange einseitig die Stadtplanung am Autoverkehr ausgerichtet. Dies wird sich ändern müssen. Und dafür braucht es mutige Bürgermeisterinnen und Bürgermeister, die sich vor einer Beantwortung dieser schwierigen Fragen nicht verstecken. Immerhin: Es gibt bereits gute Beispiele aus dem Ausland, die uns hoffnungsfroh stimmen und an denen wir uns orientieren sollten: Die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo hat mit ihrer Vision eines grünen Paris Wählerstimmen gewonnen und so ihre Wiederwahl gesichert. Man sieht: Mit einer Vision zur Mobilität von morgen lassen sich sogar Wahlen gewinnen.

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Über den Autor:
Christoph Werneke ist Vorstandsmitglied von Mobility Allstars e.V. und geschäftsführender Gesellschafter der Beratung The Goodfellows, die mit ihrem Bereich Strategy Work ganzheitliche Mobilitätskonzepte erarbeitet und in der Umsetzung begleitet. Christoph widmet sich seit vielen Jahren mit großer Leidenschaft den vielfältigsten Themen der Mobilität. Dabei behält er den Menschen und dessen Lebensqualität immer im Blick.

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Christoph Werneke ist Vorstandsvorsitzender von Mobility Allstars e.V.. Aus Angst vor Kritik und Widerstand verliert sich die Politik in kleinteiligen Entscheidungen, wenn es darum geht, die Mobilität neu und klimafreundlicher zu gestalten, kritisiert er. Im „Standpunkt“ des Tagesspiegels fordert er konkrete Zielbilder für die zukünftige Mobilität.